Erfahrungsbericht als Coach der Weiterbildung zur Gartentherapeutischen Assistenzkraft (unterstützt von der IKK classic-noch)
Heute möchte ich von meinen Erfahrungen als IKK-Coach berichten. Im vierten Jahr arbeite ich nun als IKK-Coach in einer Senioreneinrichtung, in der ich mit Senioren eine Gartensaison lang mit Garten- oder Naturthemen eine Stunde gestalte. Ich komme im zweiwöchigen Abstand in die Einrichtung und habe ein Thema dabei, was sich gerade in dieser Jahreszeit anbietet, und dabei werden maximal zwei Betreuungskräfte von mir praktisch geschult.
Die theoretische Schulung erfolgt über Webinare über die Einrichtung Gärten helfen Leben (GHL) zu verschiedenen Themen. Die Krankenkasse IKK classik fördert diese Weiterbildungsmaßnahme, weil sie von der heilenden Wirkung der Gartentherapie überzeugt ist. Im Vorfeld wurde vor einigen Jahren die Duwigata- Studie mit dem Institut Leistung Arbeit Gesundheit (ILAG) durchgeführt. Sie trägt den Titel „Durchführungsbedingungen und Wirkungsanalyse von gartentherapeutischen Maßnahmen bei demenziell erkrankten Bewohner*innen in Altenpflegeheimen“.
Hier kann man die Studie einsehen. Projekt DuWigata – ILAG
Eine großartige Chance, wie ich finde, als Einrichtung, Betreuungskräfte weiterbilden zu lassen und gleichzeitig solch einen Mehrwert für die Senioren zu erlangen.
- Blumen bestimmen
- Waldmeister
- Blumenpresse festziehen
Lesen Sie hier weiter, was Frau A. und Frau Z. in den Gartenstunde erleben:
Frau Z. möchte heute eigentlich nicht beim Gruppenangebot mitmachen. Sie sitzt direkt neben mir. Acht Personen sitzen im Gemeinschaftsraum um einen Tisch, in der Mitte liegen Wiesenblumen die ich mitgebracht habe und die wir gleich bestimmen wollen. Sie hat ihre Hände im Schoß gefaltet und schaut nur.
Ich habe drei Bestimmungsbücher dabei, die sofort gegrapscht werden. Es wird geblättert und es werden Vorschläge gemacht, was das sein könnte. Der Kosmos-Naturführer ist dabei, der schon 40 Jahre in meinem Besitz ist. Ich erkläre, wie ich nach Blütenfarbe, Blütenform und Standort leicht die richtige Pflanze finde und gehe reihum, damit jeder das Kraut mit dem Bild überprüfen kann. Manche schauen zu zweit ins Buch. Eigentlich sind die meisten Brillenträger, aber die Zeichnungen sehen sie auch ohne.
Wie in einer Quizshow rufen einige schnell einen Namen. „Kamille, das ist doch Kamille“, sagt Frau A. und riecht daran. „Das riecht auch nach Kamille“ sagt sie. Wir schauen nochmal ganz genau und ich lese die Beschreibung vor. Es ist Acker-Hundskamille. Einige sind einverstanden, doch Frau A. gegenüber blättert nun auch eifrig bis zur Hundskamille, sie zweifelt an der Richtigkeit. Ich freue mich, dass sie die Aufgabe so ernst nimmt und mit mir diskutiert. Ich lese vor, dass der Blütenboden bei der echten Kamille hohl sein muss und wir wollen es überprüfen. Vorsichtig schneide ich den Blütenboden auf. Nein, er ist nicht hohl. Sie staunt und lächelnd sagt sie, dass sie noch nie ein Bestimmungsbiuch in der Hand gehalten hat. Es freut mich, dass sie sich heute darauf eingelassen hat.
Sie wird sich am Ende der Stunde überschwänglich für diese interessante Erfahrung bedanken.
Frau A. ist noch recht jung, unter 70 Jahre alt, aber sie hat das Korsakow-Syndrom, eine durch Alkohol ausgelöste Amnesie. Sie ist schon seit Jahren in der Einrichtung, weil sie trotz eines Entzuges nicht mehr fähig war, ihr Leben alleine zu gestalten mit Einkaufen, Kochen und Putzen. Sie liest ausgesprochen gerne vor, die anderen hören zu. Einmal haben wir ihren Geburtstag gefeiert, mit Aperol und Sekt. „Oje“, sagte ich, „am frühen Morgen schon Sekt“. Aber er war alkoholfrei. Auch der Aperol. Sie bestand darauf, im Anschluss zusammen anzustoßen. Das haben wir dann auch gemacht. Ich staunte, dass das venezianische Getränk es nun auch in die Senioreneinrichtungen Oberbayerns geschafft hat und ich dachte immer, es sei das Lieblingsgetränk einer jüngeren Generation, die ihn im München oder am Gardasee trinkt.
Es wird also weiter diskutuíert, auch Frau Z. neben mir sagt leise nun etwas. „Die sind so schön blau“, wiederholt sie immer wieder. Sie möchte nicht das Buch haben, sie sortiert lieber die Blumen, legt alle Kornblumen auf eine Seite, die Acker-Hundskamille auf die andere Seite, Gräser werden auch aussortiert. Dabei schiebt sie immer die Pflanzenteile und Sandkörner, die abfallen, auf einen Haufen. Sie sortiert gerne und wenn sie Langeweile hat, dann sortiert sie Wäsche in der Einrichtung, Geschirrtücher beispielsweise, und legt sie zusammen. Dann fühlt sie sich nützlich. Sie mag eigentlich keine Gruppenangebote. Aber wenn sie direkt neben mir sitzt, kann ich sie oft behutsam überzeugen, zu bleiben. Manchmal arbeiten wir an den Hochbeeten, das gefällt ihr besser, sie hat früher gegärtnert und sucht sich von den Hochbeeten das mit dem meisten Beikraut aus. Sie möchte sich auch nicht unterhalten, sondern zupft eifrig und zielsicher all das Beikraut heraus. Sogar nach dem Beenden der Gruppenstunde machte sie damals weiter und beim Verlassen der Einrichtung kam sie mir mit gespreizten, schmutzigen Händen freudestrahlend, mit Erdkrümeln im Gesicht, entgegen. Ich sehe, dass ihr die sinnvolle Tätigkeit ein Lächeln in ihr sonst immer angestrengtes Gesicht gezaubert hat. Sie sagt nichts, schaut mich nur an, aber ich bin gerührt, ist es doch mehr als ich erwartet habe.
Somit kann ich als Coach auf recht unterschiedliche Weise, die Betagten erreichen. Ob durch eine Pflanze selbst, durch Riechen, Sehen, Schmecken oder Hören, durch die sinnvolle Gartenarbeit, jeder wird auf andere Art und Weise erreicht. Dabei werden die kognitiven und motorischen Fähigkeiten gefördert, die Sinneswahrnehmungen geschult und die Orientierung an den Jahreszeiten hergestellt. Das genau ist Gartentherapie.
Nun sind wir auf der Suche nach einer finanziellen Unterstützung, weil die IKK classic diese Maßnahme absetzt.


