Kreativ mit Senioren im Frühling

Tulpenzwiebeln erblühen lassen

Wann haben wir aufgehört zu malen? Wie alt waren wir? Und warum? Kreativ mit Senioren zu sein kann manchmal ein schwierige Aufgabe sein. Es braucht Geduld. Man muss aushalten, dass es dauert, bis die Bewohner:Innen beginnen. Zumal wir ja als Gartengruppe zusammengekommen sind und die Erwartung eine andere ist, als zu malen. Aber heute möchte ich das Thema  Frühjahrszwiebel und Kreativität verbinden.

 

Wir lassen also Tulpenzwiebeln erblühen. Warum eine Bewohnerin getanzt hat? Das lesen sie hier.

Ich grabe eine Tulpe mit samt der Zwiebel aus meinem Garten aus und bringe sie mit.

Wir betrachten sie und zählen erst mal alle Frühjahrsblüher-Zwiebelpflanzen auf: Schneeglöckchen, Tulpen, Narzissen, Hyazinthen und… Halt, Krokusse und Winterlinge haben Knollen. Wir schauen uns das ganz genau auf einem Schaublatt an (Dank Internet).

Zuerst erzähle ich ein bisschen über die Tulpe (Herkunft, Arten und Sorten), auch auf Anbauweise und Schädlinge gehe ich ein. Wieviel Arten es gibt! Rund 5000 Arten und Sorten! Der Sonnenkönig ließ übrigens 4 Millionen Tulpenzwiebeln importieren.

Wir lernen den Rembrandt-Virus kennen (1928 entdeckt), der bei den Tulpen das geflammte, zweifarbige Aussehen der Blütenblätter verursacht. Was ich bis dahin auch nicht wusste, ist, dass das Virus von Zwiebel zu Zwiebel über Wurzelkontakt weitergegeben werden kann und einfarbige Tulpen auch diese geflammte Zeichnung erhalten.

Im Anschluss daran teile ich die vorgezeichneten Zwiebeln aus zum Ausschneiden.

Eine Bewohnerin will nicht (Sie will nie, weil sie glaubt sie kann es nicht.) Eine weitere Dame sagt mir, sie will nur dabei sein (sagt sie auch immer. Sie darf nur dabei sein. Sie macht immer mit). Auch heute macht sie mit. Obwohl sie gar nie als Kind gemalt hat, wie sie mir ernsthaft versichert. Sie hatte nur Brüder, sie bastelten als Kinder mehr als zu malen. Sie braucht sehr lange, um den Tulpenstängel zu malen, kann sich nicht entscheiden, wie sie anfangen soll. Dann kommt die Blüte dran. Auch hier muss ich helfen, erst einmal eine Farbe auszusuchen. Als sie nach einer halben Stunde fertig ist, ist sie so stolz und in Fahrt gekommen, dass sie noch eine Sonne malt. Das Gesicht könne sie nicht, sagt sie immer wieder. „Nein, wir helfen nur, wir malen das Gesicht nicht,“ bestärken auch meine Kolleginnen. Sie traut sich irgendwann doch, weil alle Betreuungskräfte ihr gut zureden, und malt ein strahlendes Gesicht. Die Sonne strahlt genauso wie sie. Sie sagt am Ende, „ich glaube auch, ich habe das doch ganz gut hingekriegt.“

Die andere unsichere Dame malt hingebungsvoll und ist erstaunt, dass die Tulpe so schön geworden ist. Sie kann es eben doch. Sie ist sehr zufrieden.

Eine weitere Bewohnerin möchte nicht weitermachen und will fast gehen, als ihre Tochter kommt. Sie will nun doch noch ein bisschen weitermalen, schaut zur Nachbarin, wie sie das angeht und macht es ihr nach. Zum Schluss beschließt sie, dass noch zu viel weiße Fläche ist, es soll noch blauer Himmel und Wolken geben, so steht ja die Tulpe auch draußen in der Natur unterm Himmel mit Wolken und Wind und Wetter. Das muss im Bild festgehalten werden. Sie macht große, ausschweifende Bewegungen. Es ist die Dame, die später tanzen wird.

Ein anderer Bewohner ist schnell fertig und schaut lange auf sein Blatt. Dann betrachtet er die mitgebrachte Zwiebel nochmal und sagt „da fehlt doch die Erde an der Zwiebel“ und ergänzt Erdkrümel. Für die Blütenblätter nimmt er eine zweite Farbe. „Ich habe eine Rembrandt-Tulpe gemalt“, versichert mir der Bewohner.

Eine Dame kommt etwas später, sie hat schon den ganzen Tag Kopfschmerzen und hat den Tag im Zimmer liegend verbracht. Sie sitzt am längsten und malt und malt. Mit den Wachsmalkreiden kommt sie nicht zurecht, sie findet, die Stifte seien stumpf. Ich biete ihr Holzbuntstifte an, damit mal sie nun ganz genau aus. Mit Hingabe. Sie hat alles vergessen. Vor allem ihre Schmerzen.

Je länger wir sitzen, desto mehr lassen sich die Bewohner auf die Aufgabe ein. Alle.

Am Ende hat jede Person ein schönes Bild vor sich liegen. Manche haben Hilfe gebraucht, manche haben einfach drauf losgezeichnet. Der Mensch möchte eben was „eingenhändig“ schaffen, egal ob jung oder alt. Gerade dementiell erkrankte Menschen können beim Malen nonverbal ihre Gefühle ausdrücken. Ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstbewusstsein ist gestärkt, wenn sie das Ergebnis in den Händen halten.

Zum Schluss habe ich „Tulpen aus Amsterdam“ abspielen lassen. Eine Bewohnerin war sehr ausgelassen und hat getanzt. Wir haben alle gelacht und geklatscht.

Wie schön! Das liebe ich an meiner Arbeit als Gartentherapeutin.